
Für einen bewussteren Tourismus
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Plädoyer für einen verantwortungsbewussten Tourismus
Reisen ist so verlockend wie eh und je – und wird zugleich immer mehr zur Gewissensfrage. Da ist zum einen das legitime Bedürfnis nach Erholung, nach Entdeckungen, nach einer wohlverdienten Atempause und zum anderen das wachsende Bewusstsein für die ökologischen, kulturellen und sozialen Auswirkungen des Tourismus, der damit zunehmend für ambivalente Gefühle sorgt. Bilder von überfüllten Stränden, von Dörfern voller Menschenmassen und von gefährdeten Ökosystemen befeuern dieses Unbehagen. Dazu gesellen sich Schuldgefühle: Ist es verantwortungsvoll, weit weg nach Erholung zu suchen? Sollte man aus Klimabewusstsein nicht ganz auf das Reisen verzichten? Diese Fragen dürfen uns indessen nicht dazu verleiten, den Tourismus pauschal zu verurteilen – und damit auch seine wertvollen Seiten. Denn wenn wir den Tourismus neu erfinden, ihn klug denken und entsprechend leben, kann er zu einem positiven Wandel beitragen.
Der Tourismus, wie wir ihn heute kennen, ist eine Erfindung der jüngeren Vergangenheit. Er entwickelte sich im Zuge der Industrialisierung und der damaligen sozialen Kämpfe. Ausgelaugt von der harten, durchgetakteten Arbeit, sehnten sich die Menschen nach Erholung, nach Abwechslung, nach fernen Orten, an denen sie zu sich selbst finden konnten. So steht Tourismus zuallererst für das lebenswichtige Bedürfnis nach einer Auszeit, um wieder zu Atem zu kommen.
Doch Reisen bedeutet nicht nur, dem Alltag zu entfliehen, es steht immer auch für Begegnungen: mit anderen Menschen und Landschaften, mit einem neuen Rhythmus, mit unterschiedlichen Lebensweisen. Gerade in Zeiten des sozialen Rückzugs kann der Tourismus zum Frieden beitragen, indem er es möglich macht, Andersartigkeit zu erleben, den eigenen Horizont zu erweitern und zu erkennen, dass die Menschen, so unterschiedlich sie auch sind, letztlich die gleichen Wünsche und Hoffnungen haben.
Für die Bewohnerinnen und Bewohner der besuchten Orte wiederum kann der Blick von interessierten Gästen die eigene Perspektive verändern und den Wert von Natur- und Kulturerbestätten in Erinnerung rufen, die sie vor lauter Gewohnheit kaum noch wahrnehmen. Die Bedeutung dieser Stätten und der damit verbundenen Überlieferung rückt wieder ins Bewusstsein.
Die Kehrseite der Medaille: ein globalisierter, hektischer und überladener Tourismus, der übermässig Ressourcen verbraucht, zerstörte Landschaften, erschöpfte Einheimische und Orte, die zum Opfer ihres Erfolges werden. Und natürlich: unzählige gedankenlos abgespulte Kilometer, die den Ausstoss von Treibhausgasen in die Höhe treiben.
Wie lässt sich dieses Dilemma lösen, ohne auf die Vorzüge des Reisens zu verzichten? Vielleicht, indem wir uns vermehrt bewusst machen, dass das «Anderswo» auch ganz in der Nähe sein kann und dass es nicht immer lange Reisen braucht, um Schönes zu entdecken, sondern oft nur einen neuen Blickwinkel und eine geschärfte Wahrnehmung.
Die Regionalen Naturpärke der Schweiz – auch der unsere – setzen auf diesen sanften, langsamen und achtsamen Tourismus. Hier geht es nicht um schnellen und oberflächlichen Konsum, sondern um echtes Erleben und darum, sich Zeit zu nehmen, genau hinzuschauen, zu verstehen und zu staunen.
Natur- und Kulturerbe, althergebrachtes Wissen und Traditionen bieten als lebendige Wurzeln einen Anker in einer Welt, die sich immer schneller dreht und in der sich die Dinge immer mehr anzugleichen oder aufzulösen scheinen. Sie bieten Zufluchtsorte und neue Räume, in denen die Menschen durchatmen, ihr inneres Gleichgewicht wiederfinden und sich selbst neu entdecken können. Es sind Fixpunkte, die uns mit etwas verbinden, das grösser ist als wir: unsere gemeinsame Geschichte, die Gegend, die wir bewohnen, ein menschlicher Lebensrhythmus. In diesem Sinne verstehen wir den neuen Tourismus als einen Weg, der jenseits des schnellen Erlebens zu bewusster Wahrnehmung und echtem Engagement führt.
Dementsprechend sieht der Managementplan 2025–2028 des Parks eine Annäherung zwischen Tourismus und Sensibilisierung vor. In Zusammenarbeit mit den Tourismusdestinationen werden neue Angebote entwickelt, die zu tiefen Erfahrungen mit nachhaltiger Wirkung einladen. Die Gäste sollen die Natur mit allen Sinnen erleben, unseren Umgang mit der Erde hinterfragen und wieder zu sich selbst und zu anderen finden.
Es geht nicht nur darum, zu schützen, was geblieben ist, sondern auch darum, zu reparieren, was bereits zerstört wurde, unsere Beziehung zur Natur ins Gleichgewicht zu bringen und ein achtsameres, demütigeres und engagierteres Leben im Einklang mit unserer Umwelt zu führen.
Der Tourismus von morgen wird anders sein als der von gestern, und das ist gut so. Wir wünschen uns, dass er ein Instrument des Wandels wird und uns einen Weg zu einer bewussteren, geeinten und gerechten Gesellschaft aufzeigt. Dafür arbeiten wir hier und heute, jeden Tag – gemeinsam mit Ihnen.
Das Team des Parks
Was ist transformativer Tourismus?
Mehr als nur entdecken oder dem Alltag entfliehen – transformativer Tourismus lädt dazu ein, auf eine andere Weise zu reisen. Hier, in der lebendigen Landschaft des Regionalen Naturparks Gruyère Pays-d’Enhaut, ermutigt er Reisende – von nah oder fern – langsamer zu werden, den Ort mit allen Sinnen aufzunehmen, den Menschen zu begegnen, die hier leben. Man teilt ein handwerkliches Können, beteiligt sich an einem Gemeinschaftsprojekt, staunt über eine Geste, einen Geschmack, eine besondere Aufmerksamkeit für das Lebendige.
Doch bei der Erfahrung allein bleibt es nicht. Diese Art zu reisen lässt etwas anklingen – sie verbindet das Erlebte mit dem Eigenen. Sie regt dazu an, unsere Gewohnheiten, unseren Blick auf die Welt und unseren Platz im grossen Ganzen sanft zu hinterfragen.
Inspiriert von nachhaltigen Formen wie Slow Tourism, Ökotourismus oder Voluntourismus, geht der transformativer Tourismus einen Schritt weiter: Er schafft nicht nur Verbindung, sondern lädt zu einer inneren Bewegung ein. Ein kleiner Perspektivwechsel. Vielleicht der Anfang einer neuen Art, die Erde zu bewohnen.